Trauer um Prof. Dr. s.c. Rolf Kuhn
Trauer um Prof. Dr. s.c. Rolf Kuhn

Der ehemalige Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau, Prof. Dr. s.c. Rolf Kuhn, ist im Alter von 77 Jahren verstorben. Er hat mit seinen Ideen und Visionen das Bauhaus Dessau wesentlich geprägt.

„Ohne ihn wäre das Bauhaus Dessau nicht die Institution, die sie heute ist.“ (Barbara Steiner, 19.6.2024)

Am 1.3.1987 trat Rolf Kuhn seine Stelle als Bauhausdirektor an. Das Bauhaus Dessau sollte seine, in der DDR lange verdrängte Geschichte selbstbewusst zeigen, sich jedoch – wie in frühen Tagen – zeitgemäßen gesellschaftlichen Herausforderungen widmen. Hierzu zählten für den Stadtsoziologen, Gebiets- und Regionalplaner zunächst Fragen des Wohnungs- sowie des Städtebaus. Ihm war wichtig, Menschen mit frischen, unkonventionellen Ideen ans Bauhaus in Dessau zu holen und eine „unkomplizierte, lockere Atmosphäre“ (Rolf Kuhn) zu schaffen. In dieser Hinsicht spielte der heute legendäre „Bauhausklub“ für ihn eine wichtige Rolle. Rolf Kuhns Credo lautete: „Die Form ins Museum, der Geist in die Arbeitsräume“.

Im November 1987 fand ein erstes Internationales Walter-Gropius-Seminar statt. Über Jos Weber, zu dieser Zeit Inhaber des Gropius-Lehrstuhls in Weimar, nahmen Architekt*innen aus den Niederlanden, Schweden, Finnland, Polen, der CSSR, Ungarn, aus Westberlin und der DDR daran teil. 1988 schaffte es Rolf Kuhn in Verhandlungen mit dem Institut gta der EtH Zürich und dem Deutschen Architektur Museum in Frankfurt am Main ein Drittel des Hannes-Meyer-Nachlasses nach Dessau zu holen. Ein weiterer Höhepunkt der Ost-West Kooperation war im selben Jahr die Ausstellung Experiment Bauhaus des Bauhaus-Archivs Berlin (West) im Dessauer Bauhausgebäude. Zeitgleich mit dem Fall der Mauer am 9.11.1989 endete auch das II. Internationale Walter-Gropius-Seminar. Es war die Geburtsstunde des Industriellen Gartenreichs. Die vielgestaltigen Reformideen des 19. und 20. Jahrhunderts in der Region Dessau-Bitterfeld-Wittenberg dienten Rolf Kuhn und seinen Mitstreiter*innen als Ausgangspunkt für die Gestaltung notwendiger Transformationsprozesse in der mitteldeutschen Industrieregion. Ziel war es, soziale und ökologisch nachhaltige Entwicklungsstrategien für die Region zu erarbeiten und eine modellhafte ökologische Stadtlandschaft auf den Weg zu bringen. Zu den herausragenden Projekten unter der Leitung von Rolf Kuhn zählen unter anderem: Ferropolis – die Stadt aus Eisen, die Sanierung der Werksiedlungen in Priesteritz und Zschornewitz, die Umgestaltung des Dessauer Gasviertels, die Rettung der Dessau-Wörlitzer Eisenbahn und zusammen mit den Städten Weimar und Dessau die Aufnahme des Bauhauses bei der UNESCO als Weltkulturerbe.

Rolf Kuhn gelang es ab 1990 bis zur Stiftungsgründung 1994 das Bauhaus Dessau in eine neue Trägerschaft zu überführen und die im Rahmen des „Industriellen Gartenreichs“ begonnenen Überlegungen weiterzuentwickeln. Urbanistik, Architektur- und Städtebau sowie Umwelt- und Produktgestaltung schlossen sich zum Bereich Werkstatt zusammen, ergänzt durch Akademie und Sammlung. Seit 1994 ist das Bauhaus Dessau eine gemeinnützige Stiftung des öffentlichen Rechts, getragen vom Land Sachsen-Anhalt, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) sowie der Stadt Dessau-Roßlau.

1996 erfolgte die Aufnahme von Bauhausgebäude und Meisterhäusern in das Weltkulturerbe der UNESCO. Später fungierte das „Industrielle Gartenreich“ als Korrespondenzstandort der „EXPO 2000“ in Hannover, auf den Weg gebracht durch Rolf Kuhn. Dies erlaubte etwa die Expo-Projekte Neue Mulde und Landschaftskunst Goitzsche umzusetzen.

Bereits 1987 sagte Kuhn, dass man „einen solchen Job nicht länger als 10 Jahre machen sollte“. 1998 wurde er Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land. Die neue Aufgabe bedeutete in gewisser Hinsicht für ihn eine Fortsetzung der Dessauer Zeit, um den Umbau einer von Industrie geprägten Region. Rolf Kuhn gelang es, eine nachhaltige gesellschaftliche Transformation auf den Weg zu bringen, die heute als vorbildlich angesehen wird.

Die große Anerkennung und Wertschätzung, die Rolf Kuhn in der Niederlausitz entgegengebracht wurde, konnte ich selbst vor einem Jahr kennenlernen: Damals führte er mich und meinen Mann an Orte, die sich seit Beginn der IBA sehr stark verändert haben, u.a. an den Großräschener See, nach Senftenberg, Geierswalde, Welzow. Konkret bedeutete dies: Dörfer mit Gasthäusern, Schwimmende Häuser am See, Seepromenaden, Wasser- und Energielandschaften, Weinanbau, Radwege, und viele Menschen, die sich freuten, wenn „Rolf“ bei Ihnen vorbeischaute. Was 25 Jahre später einen Erfolg darstellt, musste jedoch – auch in der Lausitz – von ihm mühsam errungen werden.

Ich bin sehr dankbar, Rolf Kuhn in dieser Zeit näher kennengelernt und Einblicke in sein Wirken bekommen zu haben. Mein Mitgefühl gilt seiner Frau, seinen Kindern und allen, die ihm nahestanden.

Viele der Menschen, die Rolf Kuhn ans Bauhaus holte, und die nach wie vor in der Stiftung tätig sind, mit ihm eng zusammengearbeitet haben, trauern um einen Menschen, der inspirierend war und unkonventionelles Denken und Handeln förderte. Rolf Kuhn war bereits zu Lebzeiten eine Legende. Wir, die wir jetzt am Bauhaus Dessau tätig sind, halten sein Andenken in Ehren.

Barbara Steiner, Direktorin der Stiftung,
Gabriele Albrecht, Regina Bittner, Torsten Blume, Martin Brück, Heike Brückner, Burkhard Duhm, Silvia Eigler, Katrin Kolleck, Rüdiger Messerschmidt, Werner Möller, Nicole Prag, Diana Schmidt, Henning Seilkopf, Jutta Stein, Cornelia Voigtländer, Holger Ziolkowski, sowie alle weiteren Mitarbeitenden der Stiftung Bauhaus Dessau