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Material des Jubiläumsjahres „An die Substanz“, Makroaufnahme, 2024
© Stiftung Bauhaus Dessau / Foto: Meyer, Thomas, 2024 / OSTKREUZ
10 – 12 Uhr
Panel 1: Baumaterialien: Medien der Moderne
Moderation: Regina Bittner und Dorothea Roos (Stiftung Bauhaus Dessau)
Speaker*innen:
Kathleen James Chakraborty (University College Dublin)
Robin Rehm (ETH Zürich)
Simon Mitchell (Oslo School of Architecture)
Kathleen James-Chakraborty
Vor dem Bauhaus: Transatlantischer Austausch im Bereich Stahlbeton
Obwohl das Bauhausgebäude in Dessau stilistisch innovativ war, wurde Stahlbeton bereits vor und nach dem Ersten Weltkrieg in einer Vielzahl von ästhetisch anspruchsvollen deutschen Bauwerken verwendet. Die wohl berühmtesten wurden von Max Berg und Hans Poelzig in Breslau (heute Wroclaw in Polen) errichtet. Es handelte sich um ein vielseitiges Material, das wegen seiner technologischen Modernität und seiner fast urzeitlichen Monumentalität geschätzt wurde. Die Veröffentlichung von US-Betonkonstruktionen in der deutschen Fachliteratur trägt ebenfalls zu unserem Verständnis bei, inwieweit sich die deutsche Bauindustrie, wenn auch nicht unbedingt avantgardistische Architekten wie Gropius, einer viel breiteren Palette amerikanischer Verwendungsmöglichkeiten des Materials bewusst war als dem fordistischen Paradigma, das vom Bauhaus und zeitgenössischen Bauwerken wie Erich Mendelsohns Schocken-Kaufhaus in Chemnitz so offensichtlich zitiert wurde. Dies erleichterte ihnen zweifellos die Verwirklichung ihrer Visionen vom Neuen.
Kathleen James-Chakraborty ist Professorin für Kunstgeschichte am University College Dublin, wo sie das vom Europäischen Forschungsrat geförderte Projekt „Expanding Agency: Women, Race and the Global Dissemination of Modern Architecture” leitet. Sie ist Mitautorin des 2025 bei der University of Virginia Press erschienenen Buches „The Belgian Friendship Building: From the New York World’s Fair to a Virginia HBCU”.
Robin Rehm
„Stoffwechsel.“ Bauhaus und industrielles Material
Das 1925/26 von Walter Gropius erbaute Bauhausgebäude in Dessau besteht vollständig aus industriellen Baumaterialien. Natürliche Baumaterialien wie Granit für Fußböden oder Holz für Fenster fehlen. Stattdessen wurden Stahlbeton, Hohlbetonsteine und Steineisendecken in der Rohbaukonstruktion verwendet. Die Innenausstattung umfasst Stahlfenster und Industrieglas, Stein-Holzböden, Triolin-Bodenbeläge und Sperrholztüren. Der Wandel von natürlichen zu industriellen Materialien ist Gegenstand von Publikationen von László Moholy-Nagy (Von Material zu Architektur, 1928), Sigfried Giedion (Bauen in Frankreich. Bauen in Eisen. Bauen in Eisenbeton, 1928) sowie Heinz und Bodo Rasch (Wie bauen? Materialien und Konstruktionen für industrielle Produktion, 1928). Diese Publikationen behandeln Aspekte industrieller Materialien in Bezug auf Zweck, Funktion, Form, Ökonomie und Soziologie. Die Materialkonzepte der Moderne offenbaren ein grundlegendes Problem der Architekturtheorie. Ihr Fokus liegt auf der Frage, wie sich die Bedingungen der Architektur im Verhältnis zur Tradition verändert haben. Jacques Rancière, auf dessen methodologische Erklärungen sich mein Beitrag im Allgemeinen bezieht, betrachtet die Reflexion über solche Bedingungen als wesentlichen Bestandteil der Definition moderner Kunstwerke und ihrer Legitimation. Im Falle des Materialproblems wird Gottfried Sempers Definition von Architektur als Ergebnis von „Gebrauch” und „Stoff” näher betrachtet. Sein bekannter Ausdruck „Stoffwechsel” (im Sinne von Semper) beschreibt die Situation, in der ein Objekt von seinem ursprünglichen, d. h. natürlichen Material in ein Material umgewandelt wird, das dem Objekt eigentlich fremd ist. Dieser Beitrag diskutiert die Implikationen, die sich aus entsprechenden Materialveränderungen für das Verständnis moderner Architektur in ihrer Materialität ergeben.
Robin Rehm
1992–1997: Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin; 2001: Promotion, FU Berlin; 2000–2001: Stipendium, Deutsches Zentrum für Kunstgeschichte in Paris; 2001–2005: Assistent, Universität Zürich; 2009–2012: Mitarbeiter am Institut für Denkmalpflege und Baugeschichte, ETH Zürich; 2012: Habilitation an der Universität Basel; 2013–2020: Dozent am Institut für Kunstgeschichte, Universität Regensburg; seit 2021: Senior Scientist am Institut für Denkmalpflege und Baugeschichte, ETH
Simon Mitchell
Kleine Geschichten aus kleinen Teilen: Neubewertung des Alltäglichen im Bauhaus Bauforschungsarchiv
Über die Bauhaus-Architektur ist viel geschrieben worden. Ihre umfassende Geschichte, ihre bedeutenden Gebäude und ihre führenden Persönlichkeiten sind weltweit bekannt. Weitaus weniger bekannt ist jedoch das Bauforschungsarchiv in Dessau, ein Archiv mit Baumaterialien und Bauteilen aus dem Umfeld des Bauhauses – seien es verrostete Heizkörper oder obskure Betonbrocken. Seit der Gründung des Archivs um die Jahrhundertwende hat es im Rahmen der laufenden Konservierungsarbeiten des Bauhauses Tausende von architektonischen Elementen gesammelt und inventarisiert. Wenn Kulturerbe-Institutionen wie die UNESCO den Wert der Bauhaus-Architektur definieren und monumentalisieren, stützen sie sich dabei oft auf ihre kanonisierte Geschichte. Die Charta behauptet, dass das Bauhaus den Geist der Moderne verkörpert, dass seine Gebäude authentische Zeugnisse sind und dass sein Wert universell und herausragend sei. Mit anderen Worten: Der Wert des Bauhauses wird oft als selbstverständlich angesehen. Wenn man jedoch die Arbeit des Bauforschungsarchivs verfolgt, ergibt sich ein anderes Bild vom Wert. Seit über zwanzig Jahren erhält das Archiv Bauhausgebäude, indem es ihre materiellen Überreste identifiziert, sammelt, transportiert und katalogisiert. Dabei handelt es sich um Objekte, die teilweise aus Privathäusern in der Siedlung Dessau-Törten oder aus gewöhnlichen lokalen Gebäuden stammen, die etwa zur gleichen Zeit und mit fast identischen Bauteilen errichtet wurden. Anhand ethnografischer Beobachtungen verfolgt dieser Vortrag die Arbeit des Archivs im Jahr 2019, bei der Bauteile von ihrem Fundort bis zur Lagerung, der digitalen Erfassung in einer Datenbank und einer Ausstellung zurückverfolgt wurden. Sie zeigt, dass der Wert der Materialität des Bauhauses nicht inhärent, sondern kontingent ist und durch routinemäßige und praktische Archivierungsverhandlungen entsteht. Was dabei zum Vorschein kommt, ist eine kleine Geschichte der Bauhaus-Architektur, erzählt anhand der Zirkulation und Konservierung einiger kleinerer Teile. Ausgehend vom Archivraum frage ich, welche alternativen Verbindungen entstehen, wenn wir die Bewegungen bestimmter Baumaterialien verfolgen. Außerdem betrachte ich die umfassendere Rolle, die die Lagerung dabei spielt, vermeintlich unerwünschten Baumaterialien neues Potenzial zu verleihen.
Simon Mitchell ist Postdoktorand an der Oslo School of Architecture and Design (AHO). Er hat in Architektur von der University of Manchester (2023) promoviert. An der Schnittstelle von Ethnografie, Archivtheorie und Architekturgeschichte konzentriert sich seine aktuelle Forschung auf die Lagerung und Zirkulation von Architekturfragmenten und -komponenten. Er ist Gastredakteur der kommenden Sonderausgabe der Zeitschrift Future Anterior zum Thema architektonische Provenienz.
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Schlackenbetonhohlblockstein aus dem Mittelring 14, Siedlung Dessau-Törten, 1928 (coloriert)
© Stiftung Bauhaus Dessau / Foto: Gunter Binsack / Grafik: Heimann + Schwantes