Paul Weber:
Der „logische Aufbau“ der Architektur. Die kommunistische Studentenfraktion am Bauhaus und ihre Kritik an Mies van der Rohe und dessen Architektur der „neuen Werte“. Rekonstruktion eines verpassten Diskurses

Nach einer im Juni 1930 von Ludwig Mies van der Rohe gehaltenen Rede vor dem Deutschen Werkbund, dessen Schlusswort über „neue Werte“ kritisch kommentiert wurde und den Architekten unter Metaphysik-Verdacht stellte, wurde der neue Bauhausdirektor in Heft 3 der Kostufra-Zeitschrift dafür angegriffen. Eine neue Bedeutung bekommt der Angriff durch Carnaps Bauhaus-Vortrag „Wissenschaft und Leben“ vom Oktober 1929. Er zeigt Carnaps Abkehr von einer Werte-Konzeption als Teil des wissenschaftlichen Konstitutionssystems in Der logische Aufbau der Welt (1928). Carnaps Einordnung der „Wertung“ als nicht von theoretischer Erkenntnis geleitet, sondern von „persönlicher Einstellung“, entsprach nicht dem Selbstverständnis Hannes Meyers und seiner Studierenden. Aus einem naheliegenden Missverstehen Carnaps wurde der Metaphysik-Vorwurf gar nicht erst auf das Meyer-Bauhaus bezogen, sondern durch die Kostufra polemisch an Mies van der Rohe weitergegeben. Wie wenig aber für Mies van der Rohes Architektur ein solcher Vorwurf gerechtfertigt erscheint, kann anhand neuer Forschung zu Mies van der Rohes visuellem „Kalkül“ und zuletzt zur „topischen“ Struktur des Barcelona Pavillons als „Verfahren“ nachgezeichnet werden.


Paul Weber ist Architekturhistoriker. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Geschichte der modernen Architektur, die Innovationsforschung als Transformationstheorie sowie Forschungen über Ludwig Mies van der Rohe, Wassily Kandinsky und Kasimir Malewitsch.