Bauhaus Lab 2022:
Reise nach Afrika

Von Dessau nach Tansania und Südafrika

Das Forschungsthema des Bauhaus Lab 2022 wird durch das Prisma der internationalen Anti-Apartheid-Solidaritätsbewegungen und der vom Afrikanischen Nationalkongress (ANC) in Tansania errichteten „Camps“ betrachtet, die in den 1970er und 80er Jahren als Zufluchts- und Bildungsstätten für Menschen dienten, die vor der südafrikanischen Unterdrückung flohen. Diese Entwicklungszentren – darunter Dakawa und Somafco – wurden mit Unterstützung, Fachwissen und Ressourcen aus einer Reihe von europäischen Ländern, darunter die DDR und nordische Länder, errichtet.

Weil es bei einem solchen Thema mit internationalen Verbindungen und einer Konstellation globaler Netzwerke unumgänglich ist, vor Ort zu recherchieren, sowohl durch Besuche in den Siedlungen in Tansania als auch durch die Auswertung von Archivbeständen, die sich größtenteils in Südafrika befinden, und durch die Möglichkeit, diejenigen zu treffen und zu befragen, die die ehrgeizige Absicht der Entwicklungszentren aus erster Hand erfahren haben.

Nach der Abfahrt von Dessau mit dem Zug teilte sich die Gruppe in zwei Hälften und verabschiedete sich am Frankfurter Flughafen, um in die Flugzeuge in die beiden Länder des südlichen Afrikas, Tansania und Südafrika, zu steigen.

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Durchführung der Feldarbeit in Tansania

Als Philipp Sack, Joyce Lam, Nokubekezela Mchunu und Lucas Rehnman nach einer Umsteigeverbindung in Addis Abeba in Dar es Salaam ankamen, verließen sie den Flughafen und wurden sofort von der warmen und angenehmen Luft der Tropen empfangen. Vom Auto aus sahen wir die eine oder andere Pfingstkirche mit schlichtem, modernem Design, hellblau oder hellcremefarben, durchschnittlich groß, nichts Monumentales. Wir amüsierten uns über die Aufkleber mit dem Gesicht von Che Guevara, die auf einigen Autos klebten – auf unserem und einigen anderen. In der kleinen Garage des Hotels standen drei Angestellte bereit, um uns zu begrüßen, einer von ihnen, ein junger Massai-Mann, trug eine modische Mischung aus traditioneller Kleidung, Flip Flops und urbaner Streetwear. Im ersten Stock des Hotels befinden sich der Check-in, der Aufenthaltsraum, der Frühstücksraum und das Büro gleichzeitig: Dies zeigt uns bereits, wie zweckmäßig Tansania ist und wie flexibel (und damit durchlässig) der Raum je nach Bedarf gestaltet werden kann, ohne dass dabei Gastfreundschaft, Funktionalität und Charme auf der Strecke bleiben. Als die Sonne nach dem Einchecken langsam untergeht, kündigen auch die Vögel das Ende des Tages an, indem sie laut und aufgeregt krähen und in eine einzige Richtung fliegen.

Die Aufgabe des neuen Tages war es, nach Morogoro zu fahren, um die Mazimbu- und Dakawa-Siedlungen, in denen von 1978 bis 1992 Südafrikaner*innen im Exil lebten, so gut wie möglich zu erkunden. Wir machten uns auf die sechsstündige Fahrt. Aus den Fenstern des Fahrzeugs betrachtet, zeigt sich Tansania als ein Ort mit ungleich verlaufender Entwicklung, pulverisiert, scheinbar zufällig – aber bestimmt nicht – uneben?

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Morogoro

Morogoro selbst fordert jede*n Urbanist*in oder Stadtplaner*in heraus, im besten Sinne von „herausfordernd“. Ich denke, dass jede*r Student*in der Urbanistik hierher kommen sollte, um zu studieren. Spontanes Leben erfüllt den Raum. Genau wie in der Beschreibung in Manthia Diawaras Buch „Auf der Suche nach Afrika“ funktioniert das gesamte Stadtgebiet wie ein Markt unter freiem Himmel. Die meisten Straßen sind bräunliche, trockene und staubige Erdpfade für Autos, Motorräder, Lieferwagen, Kleinbusse und ungezwungene Taxis. Die Bürgersteige sind aus Zement, aber alle sind rissig und gehen langsam in den Zustand der Straßen über und verschmelzen langsam mit dem Boden. In den Straßen von Morogoro spielt sich das Leben intensiv ab: Kaufen und Verkaufen, zur Schule gehen, Motorrad fahren, auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen, betteln, plaudern, alles gleichzeitig. Morgen werden wir es bis Mazimbu schaffen.

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Archivrecherche im kühlen Ostkap

Nach einer kurzen Zwischenlandung am O.R. Tambo Airport in Johannesburg machen sich Regina Bittner, Igor Bloch, Essi Lamberg, Esther Mbibo, Michalina Musielak und Jordan Rowe erneut in einem gemütlichen Flugzeug auf den Weg in die Küstenstadt East London. Die wunderschöne Südküste des Ostkaps wird uns leider nur als Flugbilder auf dem Handy erhalten bleiben, da wir sofort zwei Autos mieten und zu unserem Quartier für die nächsten drei Nächte in dem abgelegenen, aber malerischen Dorf Hogsback in den Amathole Mountains fahren mussten. Während Wandern und Angeln die üblichen Beschäftigungen von Besucher*innen dieser Gegend sind, überraschten wir den Hotelmanager, indem wir ihm unseren dreitägigen Plan für einen Archivbesuch mitteilten. Nachdem wir uns an das viel kühlere Klima als erwartet gewöhnt hatten – die Temperaturen sanken nachts auf 1 bis 2 Grad – machten wir uns am Dienstag früh auf den Weg in die nahe gelegene Stadt Alice, Sitz der Universität von Fort Hare.

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Die Universität von Fort Hare

Die Universität ist eine der wichtigsten Hochschuleinrichtungen des Kontinents. Sie war die erste in Afrika südlich der Äquatorialküste, die schwarze Student*innen immatrikulierte, und Nelson Mandela, Desmond Tutu, Robert Sobukwe und Oliver Tambo zu ihren Alma Mater zählt. Angesichts des Reichtums dieser Geschichte wurde die Universität als Hüterin der umfangreichen Sammlung von Dokumenten des ANC aus der Zeit des Kampfes um die Demokratie in Südafrika ausgewählt. Diese Primärquellen werden sich als entscheidend erweisen, um die täglichen Erfahrungen derjenigen zu verstehen, die in den Entwicklungszentren arbeiteten und interagierten, sowie die komplexen globalen Netzwerke, die zu ihrer Existenz und ihrem fortgesetzten Betrieb führten.

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Die Siedlungen als Orte architektonischer Experimente

Erste Übersichten der Fotodokumentation machen deutlich, dass die Siedlungen Stätten architektonischer Experimente waren, bei denen verschiedene Bautechniken aus der ganzen Welt zum Einsatz kamen, darunter auch das System des Mauerplattenbaus der DDR in den späten 1980er Jahren. Die Dokumente zeigen, wie sehr der ANC von den Regierungen der nordischen Länder und des sozialistischen Blocks unterstützt wurde. Expert*innen reisten regelmäßig zwischen den Kontinenten hin und her, und in den 80er Jahren wurde eine Fülle von Baumaterialien nach Dar es Salaam verschifft, neben Yorkshire-Schweinen, IKEA-Spiegeln, Traktoren, Nähmaschinen und sogar Seife und Waschpulver.

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Panafrikanischer Zoom

Nach unserem ersten Tag kehren wir bei Sonnenuntergang nach Hogsback zurück und besprechen bei einem Abendessen und etwas Wein die wichtigsten Erkenntnisse aus unseren individuellen Erhebungen der unzähligen Ordner, die uns zur Verfügung gestellt wurden, sowie die Möglichkeit, uns mit der tansanischen Gruppe in einem panafrikanischen Zoom-Gespräch auszutauschen. Es bleibt noch viel zu tun, und wir haben noch zwei weitere Tage hier im Archiv, bevor wir Ende der Woche zu einem ähnlich intensiven Arbeitsprogramm nach Johannesburg aufbrechen.

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Vor Ort in Tansania 

Nur wenige Meter von uns entfernt wehte eine tansanische Flagge in der heißen Brise auf ihrem Mast, bevor sie sich wieder zusammenzog. Mit einer leichten Neigung des Kopfes ähnelte die Anordnung der schräg verlaufenden schwarzen und goldenen Bänder denen der südafrikanischen Flagge. Vielleicht ein gutes Omen? Nur noch eine Unterschrift bei dem hoffentlich letzten Verwaltungsbüro für diesen Tag und wir konnten den Dakawa-Campus betreten – eine der ehemaligen Stätten des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), die im Mittelpunkt unserer Nachforschungen standen. Seit dem Vortag hatten wir mehrere solcher Büros besucht. Nach jedem dieser Besuche folgte eine feierliche Pause, in der sich erst der Hotelbesitzer und dann wir selbst vorstellten und um etwas baten. Bei jedem Büro, das wir aufsuchten, gab es einen unveränderlichen Aufstieg im Verwaltungsrang. Außerdem gab es ein Gästebuch, in das wir uns eintragen mussten. Stets wurden wir freundlich empfangen und in unserem Streben nach der schwer fassbaren Unterschrift bestärkt.

Und schließlich war sie da. In der Hand einer Beamtin, die an der Fahne vorbeiging und auf uns zuging, als wir bei unserem Auto standen. Sie nickte zum Zeichen des Sieges und reichte uns die unterschriebene Genehmigung. Mit acht von uns im Schlepptau konnten wir nun endlich zum Campus fahren.

Bis zu diesem Zeitpunkt war Dakawa eine verschwommene Erscheinung aus schwarz-weißen Archivfotos, die durch die Berichte, die die meisten Beamt*innen an diesem Tag stolz erzählten, noch ein wenig lebendiger wurden. Die Vorbeifahrt an der hohen Torwand mit dem Wandgemälde von Nelson Mandela und Julius Nyerere fühlte sich wirklich wie ein Triumph an. Ebenso wie der Gang durch die historische Stätte, die sich über die Hektare ehemaliger Sisalfelder erstreckte. Viele der Gebäude wurden belassen oder soweit möglich, originalgetreu erhalten. Wir haben von einem ähnlichen Standpunkt aus ein „Nachher“-Bild von einem Archivfoto aus der Bauzeit aufgenommen. Für die Nachwelt.

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Unser Guide aus einem anderen Büro erzählte leidenschaftlich, als wir anhielten und durch die einzelnen Gebäudekomplexe gingen. Diejenigen, die noch in Betrieb sind, so erzählte er uns, erfüllen nach wie vor dieselben Funktionen wie vor Jahrzehnten und folgen demselben Ethos. Einer davon war, eine sich selbst versorgende Gemeinschaft zu sein, indem man „zur Selbstständigkeit erzieht“. In den 1980er Jahren wurde Dakawa zu einem wertvollen Zentrum für die Nahrungsmittelproduktion in den Siedlungen, das Nahrungsmittel anbaute und an das Solomon Mahlangu (Freedom) College (Somafco), seinen Schwestercampus, lieferte.

Wir hatten Somafco zwei Tage zuvor besucht und wurden mit der gleichen Gastfreundschaft empfangen, mit der auch die ehemalige Siedlung gegründet wurde. Wir wurden zunächst vom Schulverwalter und dann vom ersten (jetzt ehemaligen) Schulleiter durch die Gebäude geführt, nachdem die Schule von Oliver Tambo, dem ANC-Präsidenten der Jahre 1967-1991, an Tansania übergeben worden war. Wir durften uns frei in den Gebäuden bewegen und bekamen eine zweite, umfassendere Führung. Wir erfuhren, unter welchen Umständen die südafrikanische Jugend in Tansania ankam, in die tansanische Gesellschaft assimiliert (oder integriert), ausgebildet und erzogen wurde. Amüsante und tragische Anekdoten aus dem Alltag und von wichtigen Ereignissen zeichneten das Bild eines lebendigen Mikrokosmos und einer Zuflucht. Die ehemalige Siedlunmg, die heute ein Universitätscampus ist und seit kurzem unter Denkmalschutz steht, hält wie Dakawa die Bildungsideologien aufrecht, die ursprünglich für die Exiljugend Südafrikas entwickelt wurden. Denjenigen, die vor einem unterdrückenden Bildungssystem geflohen waren,
wurden „die Türen des Lernens [und der Kultur] geöffnet“, um sie auf eine vielversprechende Zukunft vorzubereiten.

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